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Blue Yodeling
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Als Blue Yodelingcite-ref-1[1] (englisch, sinngemÀà âschwermĂŒtiges Jodelnâ) wird ein Musikstil bezeichnet, der im Wesentlichen aus einer Verbindung von Elementen des Blues und der Old-Time Music besteht, die mit charakteristischen Jodlern angereichert ist. ZunĂ€chst teilweise auch als Yodeling Blues bezeichnet, erreichte er seine gröĂte PopularitĂ€t wĂ€hrend der 1920er und 1930er Jahre in den USA, Kanada und Australien.
Die Bezeichnung geht auf den Songtitel Blue Yodel zurĂŒck, unter dem der US-amerikanische SĂ€nger Jimmie Rodgers insgesamt zwölf durchnummerierte Lieder veröffentlichte, die wegweisend fĂŒr die Entwicklung der frĂŒhen Country-Musik waren. Neben Rodgers waren auch der spĂ€tere âSingende Cowboyâ Gene Autry sowie die Honky-Tonk-Musiker Ernest Tubb und Hank Snow herausragende Vertreter des Genres.
Contents
âą Geschichte
⹠Die AnfÀnge
âą Gegenwart
âą Charakteristik
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Geschichte
Die AnfÀnge
Jodeln in den USA
Das Jodeln scheint in Europa eine alpenlĂ€ndische Tradition zu sein. Es ist jedoch in GroĂstĂ€dten wie Wien seit etwa 1830 als Unterhaltungseinlage in den Vorstadttheatern und Singspielhallen populĂ€r geworden und wurde erst im Anschluss daran von gastierenden KĂŒnstlern aufs Land gebracht.cite-ref-2[2] Verschiedene Einwanderergruppen brachten es so auch als scheinbar traditionelles Identifikationsmerkmal in die USA. Ein erstes Aufeinandertreffen mit anglo-amerikanischen Musizierweisen soll schon im frĂŒhen 19. Jahrhundert stattgefunden haben, als in den Vorgebirgen der Appalachen britische und irische Siedler auf deutschsprachige Einwanderer trafen.cite-ref-3[3] In Emma Bell Milesâ (1879â1919) 1905 erschienener Essay-Sammlung The Spirit of the Mountains, in der sie das Leben in den sĂŒdlichen Appalachen beschreibt, wird das Jodeln an mehreren Stellen erwĂ€hnt, etwa bei der Beschreibung des Unterschieds zwischen MĂ€nnern und Frauen: âHis first songs are yodels. Then he learns dance tunes, and songs of hunting and fighting and drinking, âŠâcite-ref-4[4]
Ausgelöst durch erfolgreiche Gastspiele österreichischer und Schweizer KĂŒnstler, die sich etwa âTyrolese Minstrelsâ oder âAlpine Minstrelsâ nannten, kann seit den 1830er Jahren ein stetiger Anstieg der PopularitĂ€t nachgewiesen werden.cite-ref-5[5]cite-ref-6[6] Oftmals wurden Auftritte von Jodlern als besondere KuriositĂ€t beworben. Der als âYodeling Minstrelâ bekannte Tom Christian trat um 1847 erstmals öffentlich auf; erste Tonaufnahmen eines Jodlers machte 1892 L.W. Lipp. 1905 spielte der Schweizer Tenor Arnold Inauen fĂŒr Columbia Records erste kommerzielle Schallplatten-Aufnahmen ein, allerdings noch im alpenlĂ€ndischen Stil.
Parallel dazu entwickelte sich im Umfeld von umherziehenden Minstrel- und Vaudeville-Shows ein besonders auch von Afroamerikanern getragener Jodelstil, der stark von Elementen des Blues, insbesondere des sogenannten Delta Blues und des Jazz-VorlĂ€ufers Ragtime beeinflusst war. Herausragende Vertreter waren Monroe Tabor (âThe Yodeling Bell Boyâ), Beulah Henderson (âAmericaâs Only Colored Lady Yodelerâ) oder Charles Anderson (âThe Yodeler Blues Singerâ). Die Historiker Lynn Abbott und Doug Seroff haben in grundlegender Forschung den Einfluss afroamerikanischer KĂŒnstler und Traditionen in diesem Bereich nachgewiesen.cite-ref-mustrad-org-uk-7-0[7] Dieser Einfluss soll unter anderem in typischen unartikulierten Rufen mit gleichzeitigem Brechen der Stimme liegen, den Field Hollers, aus denen sich das sogenannte âBlack Falsettoâ entwickelt hat. Der Begriff Falsetto bezeichnet dabei die Falsettstimme. Der texanische Country-Traditionalist und passionierte Jodler Don Walser hat spĂ€ter mit seinem Dixie Bluescite-ref-8[8] diesem VermĂ€chtnis eine Hommage erwiesen.
Die âBlue-Yodel-Syntaxâ,cite-ref-mustrad-org-uk-7-1[7] die VerknĂŒpfung von Blues und Jodeln, tauchte erstmals 1923 in dem von Clarence Williams komponierten gleichnamigen Lied auf, das zunĂ€chst von Williamsâ Ehefrau Eva Taylor gemeinsam mit Sara Martin aufgenommen wurde, spĂ€ter im gleichen Jahr von Bessie Smith. Im Text heiĂt es unter anderem âIâm gonna yodel my blues awayâ, jedoch wird in beiden Aufnahmen das Jodeln nur angedeutet.
Bekannte Interpreten dieses sich neu entwickelnden Stils waren der weiĂe Vaudeville-KĂŒnstler George P. Watson und sein Kollege Emmett Miller. Letzterer war einer der bekanntesten Blackface-KĂŒnstler seiner Zeit, d. h. er trat als Schwarzer geschminkt auf. 1925 nahm er eine der ersten Versionen des Lovesick Blues auf und tourte erfolgreich mit Minstrel-Shows durchs Land, beworben als âfamous yodeling blues singerâ. Er war bekannt fĂŒr das Brechen der Stimme innerhalb der Worte und Langziehen einzelner Laute, was damals auch Trick Singing genannt wurde. Watson nahm 1895 erstmals Jodellieder auf Wachszylinder auf. Das von ihm populĂ€r gemachte Sleep, Baby, Sleep, 1911 in deutscher und englischer Sprache aufgenommen, wurde ein Klassiker der amerikanischen Jodelmusik, nicht zuletzt weil der als âVaterâ der Country-Musik verehrte Jimmie Rodgers es im August 1927 bei seiner ersten Aufnahme-Session verwendete. Dieses Lied kann als Dreh- und Angelpunkt des amerikanischen Jodelns betrachtet werden: 1896 von S. A. Emery komponiert, wurde es vor 1927 bereits mehr als ein Dutzend Mal eingespielt, unter anderem von verschiedenen Old-Time-Bands.cite-ref-9[9]
Milton Brown, einer der Pioniere des Western Swing, grĂŒndete 1927 mit zwei Freunden seine erste Band: The Three Yodeliers. Das Repertoire bestand zum GroĂteil aus Barbershop und zeitgenössischen Pop-Songs, jedoch auch einigen Jodelliedern, darunter etwa Emmett Millers I Ainât Got Nobody. Je weiter sich Browns persönlicher Stil in Richtung des Jazz verschob, desto weniger widmete er sich dem Jodeln.cite-ref-10[10]cite-ref-11[11]
Im Hinblick auf die 1920er und frĂŒhen 1930er Jahre unterscheidet der Musikjournalist Nick Tosches verschiedene Jodelstile, darunter den âarchaischen Jodler des 19. Jahrhundertsâ, den Minstrel-Show Yodel, den er âFake Blue Yodelâ nennt und als âSchweizer Jodler mit schwarzen Inhaltenâ kennzeichnet, sowie den Pop-Country Yodel, wie ihn Jimmy Long in Yodel Your Troubles Away (1929) verwendete.cite-ref-12[12]
Als exemplarisch fĂŒr die Entwicklung des Jodelns kann das âErweckungserlebnisâ von Wilf Carter gelten. Um 1915, als er ungefĂ€hr zehn Jahre alt war, sah er auf einem Viehtrieb einen Schweizer Jodler, der als zusĂ€tzliche Attraktion bei einer AuffĂŒhrung von Onkel Toms HĂŒtte auftrat und sich âThe Yodeling Foolâ nannte.cite-ref-13[13] Hier war noch deutlich der Charakter der Jodel-Darbietung als Neuheit und KuriositĂ€t zu erkennen, die mit dem Thema der eigentlichen VorfĂŒhrung nicht so recht zusammenpasste. Gleichzeitig aber deutete sich die beginnende Transformation an, die es in den umherziehenden Shows erfahren wĂŒrde.
âWhite Country Bluesâ
Gleichzeitig nahm auch unter weiĂen KĂŒnstlern aus dem Bereich Old-Time-Music die Tendenz zu, afroamerikanische EinflĂŒsse wie Blues oder Jazz aufzugreifen. Der junge Bob Wills entwickelte unter diesen EinflĂŒssen den Western Swing, andere konzentrierten sich eher auf das Blues-Element und prĂ€gten damit einen Stil, den man heute als White Country Blues bezeichnet. Meist war auch hier der Einfluss des Vaudeville deutlich erkennbar. Herausragende Vertreter sind etwa die Allen Brothers, Frank Hutchison, Dock Boggs oder Tom Darby. Ihre Musik kann als Bindeglied zwischen Blues und Hillbilly bzw. Old-Time-Music angesehen werden, zeigt aber auch, wie eng verwandt beide Stile damals waren.
Einige Autoren haben in diesem Zusammenhang die grundsĂ€tzliche Frage nach den BeweggrĂŒnden aufgeworfen, die weiĂe Musiker dazu veranlasst haben, ĂŒberhaupt Elemente afroamerikanischer Musik aufzugreifen, zumal im rassistischen Klima, das Anfang des 20. Jahrhunderts in den SĂŒdstaaten herrschte. Dabei spielte zunĂ€chst eine Rolle, dass es etwas Neues war. Wichtiger waren jedoch die Möglichkeiten, die dadurch eröffnet wurden. Zum einen wurde stilistisch ein Ausbrechen aus eingefahrenen Bahnen ermöglicht, die sich vielfach noch in Schemata des 19. Jahrhunderts bewegten, etwa der erzĂ€hlerischen Ballade.cite-ref-14[14] Die Inkorporation des Blues in ihre Musik war fĂŒr viele weiĂe Musiker auĂerdem eine âBefreiungâ von den Klischees und ZwĂ€ngen der damaligen âCountryâ-Musik, er gestattete ihnen, inhaltlich in Bereiche vorzudringen, die bisher tabu gewesen waren, âabseits von weiĂ getĂŒnchten HĂŒtten und grauhaarigen MĂŒtternâ.cite-ref-15[15] AuĂerdem kann davon ausgegangen werden, dass ihnen diese Art von Musik einfach gefallen hat und sie ihren ursprĂŒnglichen Interpreten hohe WertschĂ€tzung entgegenbrachten.cite-ref-16[16]
Jimmie Rodgers: Amerikas âBlue Yodelerâ
Im Bereich der damals sogenannten Hillbilly- bzw. Old-Time Music wurde man erstmals 1924 auf das Jodeln aufmerksam, als Riley Puckett, der spÀter als Mitglied der Skillet Lickers das junge Genre mitprÀgte, den Titel Rock All Our Babies to Sleep mit einer Jodel-Einlage aufnahm. Im September 1925 nahm Puckett auch noch Sleep, Baby, Sleep auf, nahm in der Folgezeit jedoch wieder Abstand vom Jodeln.
Der Wendepunkt: âT For Texasâ
Zum endgĂŒltigen Durchbruch kam es jedoch erst im Februar 1928, als der ehemalige Eisenbahner Jimmie Rodgers mit seinem ersten groĂen Hit T For Texas (Blue Yodel) einen regelrechten Jodel-Boom auslöste und zahlreiche KĂŒnstler begannen, seinen Stil bis ins kleinste Detail zu kopieren.
Rodgers war in Mississippi aufgewachsen, der Wiege des Blues. Bereits als Jugendlicher wollte er professioneller SĂ€nger werden, sein Vater ĂŒberredete ihn jedoch, einen âordentlichenâ Job bei der Eisenbahn anzunehmen, wo er selbst auch arbeitete. Nachdem Rodgers seinen Job bei der Eisenbahn aufgrund seiner Tuberkulose-Erkrankung hatte aufgeben mĂŒssen, erfĂŒllte er sich seinen Traum von einer Karriere als Musiker, spielte in Stringbands, zog mit Vaudeville-Shows durch die SĂŒdstaaten und trat auch als Blackface-KĂŒnstler auf. WĂ€hrend dieser Zeit wurde er auf den Produzenten Ralph Peer aufmerksam, der auf der Suche nach Musik im traditionellen Mountain- bzw. Old-Time-Stil war und in Bristol, Tennessee Probeaufnahmen veranstaltete.
Am 4. August 1927 machte Rodgers seine ersten Aufnahmen fĂŒr Peer, nachdem er sich in der Nacht zuvor mit seiner Begleitband, den Jimmie Rodgers Entertainers, ĂŒberworfen hatte. Neben Sleep, Baby, Sleep nahm er noch die Ballade The Soldierâs Sweetheart auf, die keine Jodler enthĂ€lt. Interessant ist hier vor allem, dass sich sein Jodel-Stil bei Sleep, Baby, Sleep noch eher an George P. Watson orientierte und sich grundlegend vom spĂ€teren Blue Yodel unterscheidet.cite-ref-17[17] Beide Titel verkauften sich nur mit mĂ€Ăigem Erfolg, dies sollte sich jedoch mit T For Texas Ă€ndern.
Dabei war T For Texas zunĂ€chst kaum mehr als eine Verlegenheitslösung gewesen. Da Rodgers nicht genug der von Peer gewĂŒnschten âhinterwĂ€ldlerischenâ StĂŒcke fĂŒr seine zweite Aufnahme-Session am 30. November 1927 vorbereitet hatte, entschloss dieser sich widerstrebend, einen von Rodgersâ âBlues Songsâ als LĂŒckenfĂŒller zu verwenden.cite-ref-18[18] Rodgers selbst hatte das Lied T For Texas genannt, veröffentlicht wurde es jedoch unter dem Titel Blue Yodel. Es sollte ein ĂŒberwĂ€ltigender Erfolg werden und verkaufte sich ĂŒber eine Million Mal. AuĂerdem zog es elf weitere Blue Yodels nach sich, sowie Jimmie Rodgerâs Last Blue Yodel, der erst nach seinem Tod 1933 veröffentlicht wurde.
In der Folgezeit entwickelte sich Rodgers zum ersten âSuperstarâ der Country-Musik, seine Platten erreichten bis dahin ungeahnte Verkaufszahlen. Insgesamt nahm er bis zu seinem Tod 113 Lieder auf, davon nur eine Handvoll ohne Jodler. Insgesamt 13 (incl. Last Blue Yodel) tragen den Titel Blue Yodel No. x, weitere 25 können als âBluesâ bezeichnet werden.cite-ref-wolfe-blues-reader-s-524-19-0[19] Rodgers hat jedoch nicht nur solche Blues-Nummern aufgenommen. Neben sentimentalen Balladen wie Daddy and Home oder My Old Pal, beide aus dem Jahr 1928, umfasste sein Repertoire auch einige Cowboy-Titel. Dabei verknĂŒpfte er als erster diese Thematik mit dem Jodeln.
Insgesamt werden die Bristol-Sessions als Wendepunkt in der Entwicklung der Country-Musik gesehen, sie orientierten sich weg von den althergebrachten Stringbands der Appalachen-Tradition zu einem eher Blues-inspirierten Stil.cite-ref-20[20]
EinflĂŒsse
Jimmie Rodgers steht als âVaterfigurâ am Anfang des Blue Yodeling als MassenphĂ€nomen. Alle groĂen Vertreter des Genres berufen sich auf ihn. Deshalb ist ĂŒber Rodgersâ eigene EinflĂŒsse viel spekuliert worden. Zwar hatte es schon vor ihm erfolgreiche Jodler gegeben. Auch hatten bereits vor ihm weiĂe KĂŒnstler aus dem Bereich, den man spĂ€ter âCountryâ nennen sollte, Blues-Titel gespielt. Allerdings gelang es erst Rodgers, beide Elemente in einer bislang einzigartigen Weise zu verbinden: âHe was the first singer clearly to establish the yodel as an echo and comment on the blues.âcite-ref-21[21]
Ăberwiegend nimmt man an, dass er im Zuge seiner Arbeit bei der Eisenbahn in Kontakt mit Afroamerikanern und ihrer Musik kam bzw. bereits wĂ€hrend seiner Kindheit in Mississippi dahingehend beeinflusst wurde. So wird berichtet, dass er fĂŒr die Wasserrationen der Gandy Dancers zustĂ€ndig war, ĂŒberwiegend schwarze Gleisarbeiter, die ihren Namen ihrem typischen Werkzeug, dem âGandyâ verdankten, mit dem sie die Schienen auf das Gleisbett hoben. Die Zeile âHey, little waterboy, bring that water roundâ aus Muleskinner Blues (Blue Yodel No. 8) kann als Hommage an diese Zeit verstanden werden.cite-ref-22[22] Da die Gandy Dancers oft synchron arbeiten mussten, entwickelten sie typische viertaktige GesĂ€nge, die ihrerseits von afroamerikanischen Traditionen beeinflusst waren.cite-ref-23[23] Von diesen Arbeitern soll Rodgers ihre Lieder und ihren typischen Slang gelernt haben, zudem sollen sie ihm das Spielen des Banjos beigebracht haben.cite-ref-russell-bwb-188-24-0[24]
AuĂerdem muss er auf seinen Fahrten mit der Eisenbahn immer wieder auf umherziehende Musiker getroffen sein, von denen er im Austausch fĂŒr eine Mitfahrgelegenheit neue Lieder gelernt hat. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang auf The Davis Limited (1931) verwiesen, einen von Jimmie Davisâ Songs, in dem er eine solche Begebenheit beschreibt.cite-ref-russell-bwb-188-24-1[24] Nach seinem Ausscheiden bei der Eisenbahn soll Rodgers ebenfalls von schwarzen Musikern in der Tenth Street von Meridian das Gitarrenspiel und den Blues gelernt haben.cite-ref-25[25] Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Jimmie Rodgers die Blues-Songs der schwarzen Gleisarbeiter, die Schweizer Jodler und die Synkopen der âPopâ-Musik der 1920er Jahre in seinem Stil vereinigt hat.cite-ref-26[26]
Andererseits ist es aufgrund von ĂuĂerungen seiner Ehefrau Carrie wahrscheinlich, dass er ebenfalls stark vom Vaudeville beeinflusst wurde, von dem er geradezu besessen gewesen sein soll. Insbesondere das Black Falsetto, das von afroamerikanischen KĂŒnstlern angewendete Brechen der Stimme wĂ€hrend des Gesangs, hat seinen Stil offensichtlich beeinflusst.
Teilweise ist auch die Theorie aufgestellt worden, Rodgers habe seinen Stil von Emmett Miller gelernt.cite-ref-27[27] Belegbare Hinweise hierfĂŒr gibt es jedoch nicht. Millers Biograph Nick Tosches lĂ€sst die Frage ausdrĂŒcklich offen. Zwar hatte Millers damaliger vermeintlicher Partner Turk McBee behauptet, Miller und Rodgers hĂ€tten sich 1925 in Asheville (North Carolina) getroffen. Dies ist jedoch inzwischen widerlegt worden, es gibt sogar Zweifel daran, ob McBee wirklich mit Miller gearbeitet hat.cite-ref-28[28] Auch eine Begegnung im Juni 1927, als die Jimmie Rodgers Entertainers fĂŒr einige Zeit bei WWNC in Asheville auftraten und Miller dort zur gleichen Zeit Gastspiele gab, kann nicht sicher nachgewiesen werden.cite-ref-29[29]
Unstreitig ist jedoch, dass beide schon lange vor Rodgersâ ersten Aufnahmen extensiv mit verschiedenen Shows durch die Lande getingelt waren, wo sie einer Vielzahl der unterschiedlichsten EinflĂŒsse ausgesetzt waren. Es erscheint sogar möglich, dass beide von dem afroamerikanischen SĂ€nger und Vaudeville-Star Bert Williams beeinflusst wurden, den sie, ausgehend von ihrem Background, gekannt haben mĂŒssen.cite-ref-30[30] Williams hatte gemeinsam mit seinem Partner George Walker schon um die Jahrhundertwende Aufnahmen in einem Ă€hnlichen Stil gemacht und dabei auch jodelĂ€hnliche Laute von sich gegeben.cite-ref-31[31] Offen bleibt, ob Rodgers und Miller sich möglicherweise wirklich persönlich begegnet sind und ob einer der beiden vom anderen beeinflusst wurde. Abgesehen davon verwendet Miller in seinen Aufnahmen zwar einige Stilmittel, die sich bei Rodgers und anderen wiederfinden, es fĂ€llt jedoch schwer, darin eigenstĂ€ndige Jodler auszumachen, wie sie fĂŒr das Blue Yodeling charakteristisch wurden. Im Gegensatz zu Rodgers war Millers SpezialitĂ€t das Brechen der Stimme wĂ€hrend des Singens, nicht die Jodler zwischen den Strophen.
Siegeszug des Blue Yodeling
Der Erfolg von Rodgersâ erstem Hit löste einen bisher ungeahnten Jodel-Boom aus. Verantwortlich hierfĂŒr war nicht zuletzt die Tatsache, dass die einfachen Jodler von einem einigermaĂen talentierten SĂ€nger problemlos nachgeahmt werden konnten. Der afroamerikanische Musiker Herb Quinn, der in den 1920ern nahe Rodgers in Mississippi gelebt hatte, prĂ€gte den Satz, wonach jedermann, der Gitarre spielen konnte, auf einmal begann, wie Jimmie Rodgers zu jodeln.cite-ref-32[32] Ăberspitzt formuliert wurde das Jodeln in den 1930er Jahren geradezu zum Synonym fĂŒr Country-Musik.
Zudem versuchten die verschiedenen Plattenfirmen aus finanziellen Aspekten, möglichst schnell eigene SĂ€nger mit âYodeling Bluesâ-Titeln auf dem Markt zu etablieren bzw. ihre KĂŒnstler zum Jodeln zu bringen. So ermutigte Ralph Peer Sara Carter, bei einigen Aufnahmen der Carter Family zu jodeln, und die Carters nahmen mehrere Duette mit Rodgers auf.cite-ref-33[33] AuĂerdem arrangierte Peer 1930 eine gemeinsame Aufnahme von Blue Yodel No. 9 mit Louis Armstrong an der Trompete und seiner Frau Lilian am Klavier.
Viele der frĂŒhen Rodgers-Imitatoren sind kaum mehr als eine FuĂnote in der Geschichte der Country-Musik geblieben, wie etwa der damals 17-jĂ€hrige Botenjunge Bill Bruner, der im Februar 1929 fĂŒr den erkrankten Jimmie Rodgers einsprang und danach als âThe Singing Messenger Boyâ mit Zelt-Shows umherzog.cite-ref-34[34] Ăhnliches gilt fĂŒr Rodgersâ Cousin Jesse Rogers, dem als Jodler nur geringer Erfolg beschieden war. Andere hatten mehr GlĂŒck.
Einer von ihnen war Gene Autrys langjĂ€hriger Freund und spĂ€terer Co-Star Frankie Marvin, der auf Anraten seines Bruders Johnny Marvin erst kurz zuvor ins Show-GeschĂ€ft gewechselt war. Er wollte eigentlich fĂŒr das Plattenlabel Crown auf seiner Ukulele vorspielen, wurde aber von den Verantwortlichen gefragt, ob er auch jodeln könne. Jodeln sei sein zweiter Vorname, entgegnete er. Nach einem kurzen Test nahm er im Juni 1928 unter dem Pseudonym Frankie Wallace and his Guitar seine Version von T for Texas fĂŒr insgesamt vier verschiedene Plattenlabels auf: Crown, Brunswick, Columbia und Edison.cite-ref-35[35]
Gene Autry
Die Marvin BrĂŒder ĂŒberzeugten den jungen Gene Autry davon, es ebenfalls mit diesem neuen Stil zu versuchen. Autry hatte sich zuvor erfolglos bemĂŒht, wĂ€hrend eines lĂ€ngeren Aufenthalts in New York City als Crooner FuĂ zu fassen und bei Victor Lieder von Gene Austin und Al Jolson vorgesungen. Da er noch nie zuvor gejodelt hatte, begann er mit dem Ăben. ZunĂ€chst kehrte er nach Tulsa, Oklahoma zurĂŒck, wo er bei dem Radiosender TVOO als âThe Original Oklahoma Yodeling Cowboyâ auftrat.cite-ref-36[36] Nachdem er sich einen guten Ruf und eine breite Fan-Basis aufgebaut hatte, kehrte er nach New York zurĂŒck und nahm im Oktober 1929 fĂŒr Columbia Rodgersâ Blue Yodel No. 5 auf.
Autrys erste Single war nur wenige Tage vor dem groĂen Börsenkrach erschienen. Er hatte jedoch den Vorteil, dass er von Columbias Billig-Labeln Velvet Tone, Diva und Harmony verlegt wurde, seine Fans sich somit fĂŒr den Preis einer Rodgers-Platte (Victor) drei von Autry kaufen konnten, sogenannte âDime Store Plattersâ.cite-ref-37[37] Von allen Rodgers-Imitatoren war Autry zudem derjenige, der sich am weitesten an sein Vorbild anzunĂ€hern vermochte, auf einigen Aufnahmen ist er kaum von Rodgers zu unterscheiden.
WĂ€hrend Autry also zunĂ€chst hauptsĂ€chlich Rodgers imitiert und auch StĂŒcke anderer Interpreten gecovert hatte, begann er Ende 1930, eigene Lieder zu komponieren und seinen eigenen Stil zu finden. Dabei zeigte sich, dass er nicht nur Rodgersâ Jodler nachahmen konnte, sondern auch ein ausgeprĂ€gtes GespĂŒr fĂŒr den Blues hatte. Yodeling Hobo, Bear Cat Papa Blue oder Jail-House Blues sind nur einige seiner Eigenkompositionen, die zunehmend die Rodgers-Titel zurĂŒckdrĂ€ngten.
Autrys erster Titel, den er nicht in diesem typischen Blues-Stil aufnahm, brachte ihm den groĂen Durchbruch: das sentimentale That Silver Haired Daddy of Mine, das er im Oktober 1931 gemeinsam mit Jimmy Long, seinem langjĂ€hrigen WeggefĂ€hrten aus Telegraphistentagen und Onkel seiner Ehefrau, eingespielt hatte. Wenn er auch weiterhin Blues-Nummern aufnahm, konzentrierte sich jedoch seit 1933 fast ausschlieĂlich auf Cowboy-Titel, mit denen er schlieĂlich neben Roy Rogers zum beliebtesten und kommerziell erfolgreichsten Singenden Cowboy aufstieg. Zwar hat er dort auch noch gelegentlich gejodelt, allerdings nicht mehr im ursprĂŒnglichen Stil.
WĂ€hrend dieser Zeit scheint Autry auch einen vollstĂ€ndigen Bruch mit seiner Vergangenheit als Minstrel- und Blues-KĂŒnstler vollzogen zu haben, insbesondere mit den anrĂŒchigen Texten einiger seiner Aufnahmen. In seiner Autobiographie Back in the Saddle Again (1997) erwĂ€hnt er Jimmie Rodgers kein einziges Mal, auf entsprechende Fragen von Journalisten reagierte er zeitlebens ausweichend und relativierte spĂ€ter sogar Rodgersâ Einfluss auf seine frĂŒhe Karriere.cite-ref-38[38]
Cliff Carlisle
Der 1904 in Kentucky geborene Cliff Carlisle hatte sich schon wĂ€hrend seiner Kindheit fĂŒr die damals in den SĂŒdstaaten der USA sehr populĂ€re Musik auf Hawaii begeistert. Er begann daher, Steelguitar zu spielen und ging spĂ€ter als einer ihrer groĂen Pioniere in die Geschichte ein. In den 1920er Jahren trat er gemeinsam mit seinem Partner Wilbur Ball in Vaudeville- und Zelt-Shows auf, wobei sie im SĂŒden als Hillbillys auftraten und im Norden als Hawaiier.cite-ref-39[39] 1930 hatten sie eine feste Radio-Show bei WHAS in Louisville. WĂ€hrend dieser Zeit hatte Jimmie Rodgers seine ersten Erfolge und Carlisle erkannte, dass auch er ein begabter Jodler war. Er bewarb sich damit bei Gennett Records, die begeistert die Gelegenheit ergriffen, einen eigenen Jodler auf dem Markt zu platzieren. Gemeinsam mit Ball nahm Carlisle zahlreiche Coverversionen von Rodgers-Titeln auf, einer der ersten war der Memphis Yodel, der einerseits stilistisch deutlich an das Original angelehnt ist, sich andererseits aber auch aufgrund des hawaiischen Einflusses und Carlisles eigener Gesangsweise davon abhebt. 1931 machten Carlisle und Ball sogar zwei gemeinsame Aufnahmen mit Rodgers, unter anderem When the Cactus is in Bloom.
Im Laufe der Zeit fand Carlisle seinen eigenen Stil. Als âThe Yodeling Hoboâ nahm er einen Mix aus traditionellen Balladen und Hobo-Nummern auf, aber auch zahlreiche Titel, die sich mit kontroversen Themen beschĂ€ftigten, die lange Zeit die Country-Musik prĂ€gen sollten. So war etwa sein Seven Years with the Wrong Woman aus dem Jahr 1932 einer der ersten Country-Songs, der sich mit dem Thema Scheidung befasste, Pay Day Fight von 1937 beschreibt die körperliche Auseinandersetzung eines Ehepaars um das Geld am Zahltag. Im RĂŒckblick beschrieb er seine Musik als âa cross between hillbilly and blues â even Hawaiian music has sort of blues to it.âcite-ref-40[40]
Jimmie Davis
Ein weiterer KĂŒnstler, der am Anfang seiner Karriere von Rodgers inspiriert wurde, war der spĂ€tere zweimalige Gouverneur von Louisiana Jimmie Davis. Ende der 1920er Jahre arbeitete er als Lehrer am Dodd College in Shreveport. Als Nebenjob nahm er fĂŒr den Radiosender KWKH in Shreveport und dessen Plattenlabel sentimentale Popsongs auf, sang aber auch im Blue-Yodel-Stil.cite-ref-41[41] WĂ€hrend dieser Zeit spielte er verschiedene Rodgers-Titel ein, daneben Eigenkompositionen im Blues-Stil, unterstĂŒtzt von den Blues-Gitarristen Oscar Woods und Ed Schaffer. Einige dieser Titel enthielten fĂŒr die damalige Zeit ungewöhnlich deutliche sexuelle Anspielungen, was dazu fĂŒhrte, dass Lieder wie Bed Bug Blues oder Red Nightgown Blues im Wahlkampf gegen ihn verwendet wurden, allerdings ohne Erfolg.cite-ref-42[42] Seine gröĂten Erfolge hatte er jedoch als Interpret von Gospel-Songs und Pop-Balladen wie Nobodyâs Darlinâ But Mine (1934) und You Are My Sunshine (1940).
Elton Britt
Ebenfalls von Jimmie Rodgers inspiriert wurde Elton Britt (1913â1972), der sein Vorbild jedoch in puncto Jodeltechnik bei weitem ĂŒbertreffen sollte. Aufgewachsen in einer musikalischen Familie, eiferte er schon als Teenager Rodgers nach. In seiner Begeisterung soll er sich Rodgers bei einem von dessen Auftritte in der Round-Up-Show von Buffalo Bills Partner âPawnee Billâ in Oklahoma persönlich vorgestellt haben, wobei dieser ihm empfahl, nach Kalifornien zu gehen. Als die beiden spĂ€ter in Hollywood nochmals aufeinander trafen, soll Rodgers Ralph Peer empfohlen haben, Britt unter Vertrag zu nehmen,cite-ref-43[43] wozu es jedoch nicht kam.
Nach verschiedenen Stationen hatte Britt im Juni 1934 mit Chime Bells seinen ersten groĂen Erfolg als SolokĂŒnstler, am Klavier begleitet von Bob Miller, der das Lied komponiert hatte. Chime Bells ist exemplarisch fĂŒr Britts Jodelstil und zugleich fĂŒr einen gewissen Bruch mit dem VermĂ€chtnis seines Vorbilds Rodgers. Bergseen und GlockengelĂ€ut thematisierend und stilistisch in einem 6/8-Takt gehalten, hat es nichts mit Blues oder gar Country zu tun, sondern erzeugt ein âeigenartiges europĂ€isches Feelingâ.cite-ref-44[44] HauptsĂ€chlich jedoch diente es als Vehikel fĂŒr Britt, um nach allen Regeln der Kunst sein Jodeln vorzufĂŒhren, das als âpyrotechnischâ und âthe worldâs highest yodelerâcite-ref-45[45] beschrieben wird. In der Tat gilt Britt neben Roy Rogers als der Jodler, der die komplexen, schnell gesungenen und sich ĂŒberschlagenden Jodler zu Bestform brachte: âHe set the gold standard.âcite-ref-46[46] Sowohl Britt als auch Roy Rogers haben Jimmie Rodgersâ My Little Lady gecovert, das sich im Laufe der Zeit zur BewĂ€hrungsprobe fĂŒr fortgeschrittene Jodler entwickelt hatte. Rodgers selbst hatte sich in seiner Version aus dem Jahr 1928 noch darauf beschrĂ€nkt, im Refrain âHady-ee, my little lady-eeâ die Wortendungen langzuziehen. Gleichzeitig brachte Britt es jedoch fertig, die Jodeldarbietungen nicht âin der Luft hĂ€ngenâ zu lassen oder mit dem Inhalt des Liedes in Konflikt zu bringen, ebenso wie Rodgers, der aus diesem Grund den alpenlĂ€ndischen Stil abgelehnt hatte.
Seine gröĂten Erfolge hatte Britt jedoch als SĂ€nger von sentimentalen Pop-Balladen, nachdem ihm 1942 mit dem patriotischen Titel Thereâs a Star-Spangled Banner Waving Somewhere der endgĂŒltige Durchbruch gelungen war.
Die nÀchste Generation
WĂ€hrend die zuvor genannten KĂŒnstler wie Autry, Carlisle und Davis, von Bill C. Malone als âthe three greatest âimitatorsâ of Jimmie Rodgersâ bezeichnet,cite-ref-malone-s-106-47-0[47] noch zu Lebzeiten und teilweise in persönlichem Kontakt zu Rodgers stehend gewirkt hatten, brachte Rodgersâ VermĂ€chtnis auch nach seinem Tod 1933 einige der gröĂten Stars der Country-Musik hervor.
Ernest Tubb
Einer von ihnen war Ernest Tubb. Aufgewachsen auf einer Baumwollfarm in Texas, lernte er im Sommer 1928 im Alter von 14 Jahren von seiner Àlteren Schwester Text und Melodie von In the Jailhouse Now. Allerdings konnte seine Schwester nicht jodeln. Erst ein Jahr spÀter konnte er erstmals Aufnahmen von Jimmie Rodgers hören und begann daraufhin, dessen Platten zu sammeln und selbst zu jodeln.cite-ref-48[48]
Ende 1933 war Tubb auf der Suche nach Arbeit gemeinsam mit seinen Freunden Jim und Joe Castleman nach San Antonio umgezogen. Die Castlemans bildeten mit ihrem Bekannten Merwyn Buffington das Trio The Castleman Brothers, spĂ€ter stieĂ noch ihr Bruder Barney hinzu. Ihr Repertoire bestand hauptsĂ€chlich aus Western-orientiertem Material, dem Zeitgeist folgend spielten sie jedoch auch Lieder im Rodgers-Stil. Sie bekamen schlieĂlich eine Sendung bei dem Radiosender KMAC, und hier hatte Ernest Tubb seinen ersten Radioauftritt als GastsĂ€nger.cite-ref-49[49] Schnell wurde er zum regelmĂ€Ăigen Begleiter der Castlemans, und kurz darauf konnte er fĂŒr die Band eine weitere Sendung beim Konkurrenten KONO erreichen, diesmal allerdings unter seinem Namen.
UngefĂ€hr im FrĂŒhjahr 1936 (das genaue Datum ist umstrittencite-ref-50[50]) nahm Tubb Kontakt zu Rodgers Witwe Carrie auf, um sie um ein Autogramm zu bitten. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine lange Freundschaft, ĂŒber Carrie kam Tubb in Kontakt mit ihrer Schwester Elsie McWilliams, die fĂŒr Jimmie Rodgers Lieder geschrieben hatte. Sie hatte einige Songs ĂŒber Rodgers geschrieben, die Tubb nun verwenden konnte, etwa My Blue Bonnett Dream oder Jimmie Rodgerâs Last Thoughts. Letzter wurde von der RCA in The Last Thoughts of Jimmie Rodgers umbenannt, in Anlehnung an The Passing of Jimmie Rodgers. Letztendlich bekam Tubb durch Carries Vermittlung einen Plattenvertrag mit RCA, seine erste Aufnahme hatte er jedoch nicht als SĂ€nger, sondern als Gitarrist auf Carries Aufnahme von We Miss Him When the Evening Shadows Fall. Er selbst wurde namentlich nicht erwĂ€hnt, im Gegensatz zu Rodgers Gitarre, auf der er spielte.cite-ref-51[51]
Eine Mandeloperation beendete 1939 Tubbs Karriere als Jodler. Da er sich jedoch auch nicht vorstellen konnte, Jimmie Rodgers Lieder ohne Jodler zu singen,cite-ref-52[52] begann er verstĂ€rkt, einen eigenen Stil zu entwickeln und eigene Lieder zu schreiben, mit denen er schlieĂlich als Ikone des Honky Tonk in die Geschichte einging.
Hank Snow
Der Kanadier Hank Snow war als Jugendlicher regelmĂ€Ăig von seinem Stiefvater misshandelt worden. Um ihm zu entkommen, heuerte Snow auf einem Fischkutter an, der vor der KĂŒste von Nova Scotia verkehrte. Dort unterhielt er die Mannschaft mit Gesangsdarbietungen, begleitet auf der Mundharmonika. Seine Mutter, die ihn schon als Kind ermuntert hatte, im Kirchenchor zu singen, schenkte ihm eine Victrola, einen tragbaren Phonographen zum Aufziehen, und einige Platten von Vernon Dalhart, an denen ihn besonders das Gitarrenspiel faszinierte. Um 1930 bekam er einige Platten von Jimmie Rodgers dazu, den er von da an begeistert imitierte.cite-ref-53[53]
Mit diesem Repertoire im RĂŒcken bewarb er sich 1933 beim Radiosender CHNS in Halifax. Dort bekam er zwar eine eigene Sendung als âThe Yodeling Rangerâ, musste sich anfangs jedoch trotzdem mit verschiedenen Nebenjobs ĂŒber Wasser halten. Im Laufe der Zeit konnte er sich im Nordosten Kanadas eine wachsende Fangemeinde aufbauen und im Oktober 1936 machte er fĂŒr die kanadische RCA-Tochter Bluebird seine ersten Plattenaufnahmen, darunter das selbstkomponierte Lonesome Blue Yodel. 1944 wechselte er zum Sender CKCW in New Brunswick, wo er nun als âThe Singing Rangerâ auftrat, da er das Jodeln gröĂtenteils aufgegeben hatte. In den USA wurden seine Platten bis 1949 nicht veröffentlicht. Erst Auftritte in der Grand Ole Opry und sein Hit Iâm Moving On brachten ihm dort den Durchbruch.
Weitere Entwicklung
Schon Ende der 1930er Jahre hatte das Interesse des Publikums an der Hillbilly-Musik nachgelassen. Das Jodeln verschwand jedoch nicht völlig aus der öffentlichen Wahrnehmung, sondern wurde auch von Vertretern anderer Stilrichtungen ĂŒbernommen, oft in Form von Coverversionen von Rodgersâ Liedern. Beispielhaft können der Blue Yodel No. 1 von Bob Wills mit Jodlern von Tommy Duncan oder die Aufnahmen des Mule Skinner Blues von Bill Monroe genannt werden. 1950 nahm Monroe den schneller gespielten New Mule Skinner Blues auf, eine von George Vaughn Horton (dem Bruder von Ralph Peers ehemaligem Partner und CMA-Vorsitzenden Roy Horton) unter dem Pseudonym George Vaughan textlich abgeĂ€nderte Version, die um die sexuellen Anspielungen und Hinweise auf den Konsum von Alkohol bereinigt wurde. Bei seinen Live-Auftritten verwendete Monroe jedoch meist die Originalversion.cite-ref-54[54]cite-ref-55[55]
1946 startete Bill Haley seine Karriere als âThe Ramblinâ Yodelerâ.cite-ref-56[56] Zu neuen HöhenflĂŒgen wurde das Jodeln von Slim Whitman gefĂŒhrt, der damit auch in den Pop-Charts erfolgreich war. Und auch Jerry Lee Lewis hat seit seinen Tagen bei Sun Records regelmĂ€Ăig gejodelt, zu seinen besten diesbezĂŒglichen Aufnahmen gehören Lovesick Blues (1958) und Waiting for a Train (1962).
Als letzter Interpret des âWhite Country Bluesâ gilt Hank Williams, der zwar nicht explizit gejodelt, jedoch das Brechen der Stimme eingesetzt hat, so etwa in einer seiner berĂŒhmtesten Aufnahmen, dem Lovesick Blues (1949). Sein Sohn Hank Williams Jr. ist sich sicher, dass Hank Sr. den Lovesick Blues von Emmett Miller gelernt hat.cite-ref-57[57] Zwar hat Williams die Rechte an dem modifizierten Lied von Rex Griffin gekauft, hatte zuvor jedoch bereits Millers Version gehört, wobei unklar ist, ob dies persönlich oder auf einer Schallplatte war.cite-ref-58[58] Auch sein langgezogenes you-ooo auf Iâd Still Want You erinnert deutlich an Miller. Ein weiteres Beispiel fĂŒr Williamsâ AusflĂŒge in diesen Stil ist der Long Gone Lonesome Blues.
Immer wieder wurde das Jodeln jedoch auch von bekannten Country-Stars aufgegriffen, oft als Hommage an Jimmie Rodgers. Zu ihnen gehören etwa Lefty Frizzell und Dolly Parton, die 1970 mit Mule Skinner Blues ihren ersten Top-10-Hit hatte.cite-ref-59[59]
Gegenwart
In der modernen Country-Musik spielt das Jodeln praktisch keine Rolle mehr. Die Verantwortlichen legen groĂen Wert auf Fortschrittlichkeit und vermeiden jegliche AnklĂ€nge an ihr ehemaliges âHillbilly-Imageâ. Es gibt jedoch Ausnahmen. 1998 erreichte die Band The Wilkinsons mit The Yodelinâ Blues Platz 45 der US-Country-Charts. Ins Bewusstsein einer breiteren Ăffentlichkeit kam das Blue Yodeling erneut im Jahr 2000, als auf dem Soundtrack zu dem Film O Brother, Where Art Thou? ein Remake von Jimmie Rodgersâ In the Jailhouse Now veröffentlicht wurde. 2006 sorgte der Kinderstar Taylor Ware fĂŒr Aufsehen, als sie es mit ihren Jodelliedern bis in die Top 5 der Talentshow Americaâs Got Talent schaffte. Vereinzelt wird auch noch das Brechen der Stimme als Effekt eingesetzt, etwa in LeAnn Rimesâ erstem Hit Blue (1996) oder Steve Holys Blue Moon (2000). Auch Dwight Yoakam neigt zum Brechen der Stimme, also einem starken, allerdings kunstvollen Kieksen, das immer den Ansatz eines traurigen Jodelns in sich trĂ€gt. Anders sieht es im Bereich der traditionellen und der alternativen Countrymusik aus. KĂŒnstler wie der 2006 verstorbene Don Walser, Ed Burleson oder Jason Eklund benutzten das Jodeln auch, um sich dadurch deutlich gegen die Pop-Entwicklung in der Countrymusik nach Nashville-Ausrichtung zu stellen. Das Blue Yodeling wurde so bereits Mitte der 1990er Jahre zu einem Ausdruck klaren Protests gegen kommerzielle Strukturen: Im kommerziellen, radioorientierten New Country ist Jodeln praktisch undenkbar. Wylie Gustafson von der Gruppe Wylie & the Wild West schrieb sogar ein Lehrbuch: How to Yodel: Lessons to Tickle Your Tonsils. Bei Auftritten der Band kommt es regelmĂ€Ăig zu kleinen Jodelkursen, wobei Wylie das Publikum mit Grundkenntnissen versorgt und zum Jodeln animiert.
Es kann zudem ein stetiges Interesse an den alten Aufnahmen festgestellt werden, das sich in wissenschaftlichen Publikationen und einer Vielzahl von einschlĂ€gigen Samplern niederschlĂ€gt, wobei Letztere teilweise die Bezeichnung âCountry Yodelâ verwenden.
Western Music
Sehr verbreitet ist das Jodeln noch bis zum heutigen Tag im Bereich der Western Music, allerdings unterscheidet sich der dortige Stil stark vom Blue Yodeling. Zwar nennen viele bedeutende Vertreter des Genres Jimmie Rodgers als Vorbild, ihre Jodeleinlagen sind jedoch weitaus ausgefeilter und extravaganter. Zudem fehlen dort die Blues-Elemente.
GewissermaĂen als Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten fungierte der kanadische SĂ€nger Wilf Carter, in den USA besser bekannt als âMontana Slimâ. Etwa 1915 sah er als Kind wĂ€hrend eines Viehtriebs in einer Show einen Schweizer KĂŒnstler, der sich âThe Yodeling Foolâ nannte, und wurde vom Jodelfieber erfasst. WĂ€hrend seiner langen Karriere nahm er neben Hillbilly- und Hobo-Songs hauptsĂ€chlich Cowboy-Material auf und entwickelte seinen eigenen Jodel-Stil, das sogenannte âThree-in-oneâ- bzw. âEcho Yodelingâ.
Australien
Daneben war und ist das Jodeln in der australischen Country-Musik sehr beliebt. Einer Studie zufolge wurde in zwei Drittel der fĂŒr den Zeitraum zwischen 1936 und 1960 reprĂ€sentativen Titel gejodelt, und noch 1994 waren Jodel-Wettbewerbe in einschlĂ€gigen Kneipen weit verbreitet.cite-ref-60[60] Wie viele andere pflegte Australiens Country-Legende Slim Dusty in seiner frĂŒhen Karriere den Jimmie-Rodgers-Stil, nachdem ihm der Produzent Arch Kerr Anfang der 1940er Jahre gesagt hatte, er könne Country-Musik ohne Jodler nicht verkaufen.cite-ref-61[61] Bereits vor Dusty hatte Tex Morton in den 1930er Jahren als âThe Yodelling Boundary Riderâ gröĂeren Erfolg gehabt. Auch er wurde stark von Rodgers, aber auch von Wilf Carter und Goebel Reeves beeinflusst. Dabei passte er US-amerikanische Themen an die australischen VerhĂ€ltnisse an, aus dem âHoboâ wurden der âBagmanâ, aus dem âCowboyâ der âBoundary Riderâ.cite-ref-62[62]
Charakteristik
Unmittelbar nach Erscheinen von T for Texas war man sich nicht im Klaren, wie dieser neue Stil einzuordnen war. Victor hatte es als âpopular song for comedian with guitarâ und Rodgersâ Stil als âgrotesqueâ beworben. UnĂŒbersehbar war jedoch die Anlehnung an afroamerikanische Traditionen, ein Kritiker bezeichnete ihn als âwhite man gone blackâ.cite-ref-wolfe-blues-reader-s-524-19-1[19] In der Tat muss Rodgers ein besonderes GespĂŒr fĂŒr diesen Stil gehabt haben, was sich Cliff Carlisle zufolge auch in seiner ganzen Art niederschlug: âJimmie, he reminded me more of a colored person, or a negro ⊠than anybody I ever saw, in a way.âcite-ref-63[63] So wird auch das lyrische Ich in Mule Skinner Blues, dessen erste SĂ€tze auf ein Lied des Blues-Musikers Tom Dickson zurĂŒckgehen, als âshineâ angesprochen, einem abwertenden Ausdruck fĂŒr Schwarze, der von âshoe shineâ, dem Schuhputzer abgeleitet wird.cite-ref-64[64]
In umgekehrter Richtung wurde Rodgersâ Musik auch von Afroamerikanern geschĂ€tzt und als Inspiration verwendet, die ihn nach einer in der Literatur geĂ€uĂerten EinschĂ€tzung zumindest teilweise geradezu zum âhonorary negroâ gemacht haben könnten.cite-ref-65[65] Diese Assoziation ging sogar so weit, dass einige Historiker, denen Rodgers unbekannt war, seine Lieder als ĂŒberlieferte Folk-Songs einordneten und in Bezug auf Blue Yodel No. 5 folgende Aussage machten: âAs we have it here it is clearly a Negro blues song.âcite-ref-66[66]
Der Musikjournalist John Greenway hat in einem bereits 1957 erschienenen Aufsatz als Identifikationsmerkmale des Blue Yodeling ein situationsbezogenes und ein prosodisches, d. h., das VerhĂ€ltnis von Wort und Ton betreffendes Muster herausgearbeitet.cite-ref-67[67] HĂ€ufig taucht der ârounderâ auf, der mit seinen FĂ€higkeiten als Liebhaber prahlt, gleichzeitig jedoch zutiefst verunsichert ist und stĂ€ndig den âcreeperâ fĂŒrchtet, der ihm seine Partnerin ausspannen will. Hierauf reagiert er mit Drohungen bzw. Gewalt und/oder der Versicherung, ohnehin jede andere Frau haben zu können. In formaler Hinsicht wird dies durch den Einsatz von ânegro maverick stanzasâ erreicht, die â oft in zweideutiger Weise â Gewalt und PromiskuitĂ€t thematisieren. In Blue Yodel No. 3 etwa folgt dem Misstrauen die Drohung auf dem FuĂe: âWonât you tell me, mama, where you stayed last night, âcause your hairâs all tangled and your clothes donât fit you right (âŠ) The day you quit me, woman, thatâs the day that you die.â
Verbunden werden die einzelnen Strophen durch die charakteristischen Yodel Refrains. Wenn schon die Verarbeitung der genannten Themen zu einer groĂen EmotionalitĂ€t der Musik beitrug, so waren es doch die teilweise gequĂ€lten Jodelrefrains, die eine AtmosphĂ€re von Einsamkeit und Verzweiflung hervorriefen.
Im Vergleich zu den alpenlĂ€ndischen Vorbildern waren die Blue Yodels einfacher strukturiert und konnten ohne groĂe Anstrengungen nachgeahmt werden. Vermutungen, wonach dies auf Rodgersâ UnfĂ€higkeit zu ausgefeilteren Jodlern zurĂŒckzufĂŒhren sein könnte, haben sich als falsch herausgestellt: Rodgers bevorzugte die einfacheren, an Melodie und Inhalt der StĂŒcke angelehnten Jodler gegenĂŒber den zwar kĂŒnstlerisch hochwertigeren, jedoch oftmals abgehobenen GegenstĂŒcken. Auf diese Weise bildete er eine Einheit aus Inhalt und Darbietung. In einem Brief an Gene Autry beklagte er sich im FrĂŒhjahr 1930, ein Veranstalter wolle ihn durch einen âfriek (sic!) yodelerâ ersetzen, nachdem er krankheitsbedingt absagen musste. Gemeint war ein Schweizer Jodler.cite-ref-68[68] Im Hinblick auf die Eigenart des Blue Yodeling gab Cliff Carlisle an, der Unterschied etwa zu einem Schweizer Jodler bestehe darin, dass dieser mit der Zunge produziert werde, der Blue Yodel jedoch âdown in hereâ, wobei er sowohl den Kehlkopf als auch das Herz meinte, gewissermaĂen ein Sound âaus dem Bauch herausâ.cite-ref-69[69]
FĂŒr die vielen jungen MĂ€nner, die Rodgers nacheiferten, soll das Blue Yodeling ein Mittel gewesen sein, aufgestautes sexuelles Verlangen und Aggressionen abzulassen, ein Vorgehen, dem geradezu kathartische Wirkung zugeschrieben wird: âa non-verbal statement of youthful bravado, a catharsis, Whitmanâs âbarbaric yawpâ.âcite-ref-70[70]cite-ref-71[71] (Letzteres ist eine Anspielung auf Walt Whitmans Gedicht Song of Myself, wo es in der letzten Strophe heiĂt: âI too am not a bit tamed, I too am untranslatable/I sound my barbaric yawps over the roofs of the world.â) Dies haben sie möglicherweise auch als BestĂ€tigung ihrer MĂ€nnlichkeit aufgefasst, nachdem viele MĂ€nner sich in der Wirtschaftskrise sozial und wirtschaftlich âentmanntâ gefĂŒhlt haben mĂŒssen.cite-ref-malone-s-106-47-1[47]
Stilistisch knĂŒpfte Rodgers an die reiche musikalische Tradition in den Bereichen Blues und Folk-Musik an. Er verwendete oft das klassische 12-taktige Bluesschema (â12 bar bluesâ), wobei die jeweils erste Zeile eines jeden Verses zweimal wiederholt wird. AuĂerdem griff er auf gĂ€ngige Phrasen zurĂŒck, sogenannte Floating Lyrics bzw. Maverick Stanzas (teilweise auch Maverick Phrases). Der Begriff âMaverickâ bezeichnete ursprĂŒnglich ein herrenloses Kalb ohne Brandzeichen, das vom Finder in seine Herde einverleibt werden konnte.cite-ref-72[72] Bei den Maverick Stanzas handelt es sich entsprechend um ĂŒberlieferte Textzeilen bzw. -fragmente, die seit langem in einem bestimmten Umfeld in Umlauf sind und mit mehr oder weniger groĂen VerĂ€nderungen in die eigenen Texte eingebaut werden.cite-ref-73[73] Der Blues-Produzent Robert Palmer bezeichnete es spĂ€ter im Zusammenhang mit den PlagiatsvorwĂŒrfen gegen Led Zeppelin als Brauch des Blues, dass ein SĂ€nger sich Verse aus mĂŒndlicher Ăberlieferung oder von fremden Aufnahmen âborgtâ, sie anpasst und dann als seine Komposition verwendet.cite-ref-74[74]cite-ref-75[75] Ein Beispiel hierfĂŒr ist die Zeile âI can get more women than a passenger train can haulâ aus T for Texas. Sie tauchte bereits 1924 in Bessie Smithsâ Ticket, Agent, Ease Your Window Down auf, wobei sie allerdings âmenâ statt âwomenâ sang. 1925 wurde sie von Papa Charlie Jackson in The Faking Blues und 1936 von Oscar âBuddyâ Woods in Donât Sell It (Donât Give It Away) verwendet.cite-ref-76[76] In entgegengesetzter Richtung tauchten auch Fragmente aus Rodgersâ Liedern in Kompositionen von schwarzen Blues-Musikern auf, so verwendete etwa Peg Leg Howell Teile aus Waiting for a Train und Blue Yodel No. 4 (1928) in seinem sechs Monate spĂ€ter erschienenen Titel Broke and Hungry Blues.cite-ref-77[77]
Besonders auffĂ€llig war bereits fĂŒr die Zeitgenossen die Thematisierung von SexualitĂ€t und Gewalt. Schon T for Texas wurde von demselben Kritiker, der Rodgers als âwhite man gone blackâ bezeichnet hatte, mit dem Attribut âbloodthirstyâ gekennzeichnet, besingt Rodgers doch, wie er seine untreue Thelma mit einer Pistole und ihren Liebhaber mit einer Schrotflinte erschieĂt: âIâm gonna shoot poor Thelma, just to see her jump and fall (âŠ) Iâm gonna shoot that rounder, that stole away my gal.â Auch mit dieser Beschreibung wurde ein Bezug zum Blues hergestellt, denn als âbloodthirstyâ wurden wĂ€hrend der 1920er in afroamerikanischen Zeitschriften gezielt jazzige Bluesnummern beworben, die eben die Tötung untreuer Gatten thematisierten. Erschienen war die Kritik in der Literaturzeitschrift The Bookmann, die sich an gebildete WeiĂe richtete, und sollte so das Ăberschreiten der Grenze zwischen den Genres andeuten, ĂŒber alle Rassengrenzen hinweg.cite-ref-78[78]
Insbesondere aber die sexuellen Themen wurden ausfĂŒhrlich behandelt. AuffĂ€llig ist in diesem Zusammenhang zunĂ€chst die konsequente Bezeichnung von Frauen als âMamaâ und MĂ€nnern als âDaddyâ oder âPapaâ. Zwar erreichten die Texte nicht die explizite Deutlichkeit der heutigen Zeit, sondern versteckten sich hinter zunehmend gewagten Doppeldeutigkeiten. Schon Rodgers hatte in Pistol Packing Papa (1930) metaphorisch gesungen: âIf you donât wanna smell my smoke, donât monkey with my gun.â Cliff Carlisle ging noch deutlich weiter. Entsprechend einer damals ĂŒblichen Gepflogenheit wurden âschmutzigeâ Themen oft mit Anspielungen aus dem Tierreich angedeutet, wie etwa im Shanghai Rooster Yodel (1931) oder Tom Cat Blues (1932). Besonders beliebt waren dabei Henne und Hahn,cite-ref-79[79] und wenn es im Tom Cat Blues (1932) um âcockâ und âpussyâ geht, bleibt es der Phantasie des Hörers ĂŒberlassen, ob es sich dabei wirklich um Tiere handelt.cite-ref-80[80] In That Nasty Swing aus dem Jahr 1934 dient das Grammophon als Bezugspunkt: âPlace the needle in that hole and do that nasty swing.â Ein Ă€hnlich suggestiver Titel ist Sugar Cane Mama (1934). Auch Gene Autry nahm in seinen frĂŒhen Jahren einige derartige Titel auf, etwa Wild Cat Mama, Sheâs a Low-Down Mama oder Do Right Daddy Blues (1931), in dem es heiĂt âYou can feel of my legs, you can feel of my thighs, but if you feel my legs you got to ride me high.â Im Gegensatz zu anderen brach Autry jedoch bereits kurz danach vollstĂ€ndig mit diesen âSmutsongsâ.
Ein weiteres Merkmal der Blue Yodels sind die zahlreichen BezĂŒge zur Eisenbahn.cite-ref-81[81] Diese rĂŒhren einerseits von Rodgersâ Biographie her, andererseits sind sie Ausdruck einer Sehnsucht nach Weite und UnabhĂ€ngigkeit und entsprechen auch den Erfahrungen, die zahlreiche Amerikaner wĂ€hrend dieser Zeit als umherziehende Arbeitssuchende machten. Zudem passen sie in das Schema der damals sehr beliebten Bum Songs, die den Hobo zu ihrem Helden machten, zu nennen sind hier etwa H.O.B.O. Calling von Goebel Reeves oder I Donât Work for a Living von Pete Wiggins.
Im Laufe der Zeit nahm die Bandbreite der behandelten Themen zu und reichte bis zu Novelty Songs wie Married Man Blues (1937) von Ernest Tubb oder Yodeling Mule (1939) von den Three Tobacco Tags. Besonders ungewöhnlich ist Jimmie Rodgersâ Duett mit Sara Carter The Wonderful City (1931), in dem das himmlische Jerusalem besungen wird. Es handelt sich dabei um das einzige religiöse Lied, das Rodgers aufgenommen hat.cite-ref-82[82]
Literatur
âą Robert Coltman: Roots of the Country Yodel: Notes toward a Life History. In: Nolan Porterfield (Hrsg.): Exploring Roots Music, Twenty Years of the JEMF Quarterly. The Scarecrow Press, 2003, ISBN 978-0-8108-4893-1, S. 135â156.
âą Charles Wolfe: A Lighter Shade of Blue: White Country Blues. In: Steven Carl Tracy (Hrsg.): Write Me a Few of Your Lines: A Blues Reader. University of Massachusetts Press, 1999, ISBN 978-1-55849-206-6, S. 514â530, hier: S. 524 f.
âą Graeme Smith: Yodeling. In: John Shepherd (Hrsg.) et al.: Continuum Encyclopedia of Popular Music of the World. Volume 2: Production and Performance. Continuum International Publishing Group, 2003, ISBN 978-0-8264-6322-7, S. 176 f.
âą Yodeling Cowboys and such. In: Nick Tosches: Country: The Twisted Roots of RockânâRoll. Da Capo Press, 1996, ISBN 978-0-306-80713-8, S. 109â117; gibt auch einen guten Ăberblick
Weblinks
âą Lynn Abbott, Doug Seroff: Americaâs Blue Yodel. ursprĂŒnglich erschienen in: Musical Traditions, Nr. 11 (1993)
âą AnnMarie Harrington: Country/Blues: The Beginnings. (Memento vom 9. Mai 2008 im Internet Archive) Take Country Back!
âą Philipp Eins: Wie das Jodeln nach Nashville kam. Deutschlandradio Kultur; Reportage
Einzelnachweise
cite-note-11. â Die Schreibweise mit einem l entspricht dem amerikanischen Englisch, im Gegensatz zum britischen und australischen Englisch.
cite-note-22. â Max Peter Baumann: Musikfolklore und Musikfolklorismus. Eine musikethnologische Untersuchung zum Funktionswandel des Jodelns, Winterthur 1976, S. 234
cite-note-33. â Bart Plantenga: Will there be yodeling in heaven? (Memento vom 18. September 2012 im Internet Archive) (im Abschnitt âDer Hillbilly Jodlerâ)
cite-note-44. â The Spirit of the Mountains. S. 69, siehe auch S. 2, 52, 169, archive.org
cite-note-55. â Yodeling Mountaineers: The Alpine Roots of the American Guitar (Memento vom 17. MĂ€rz 2012 im Internet Archive)
cite-note-66. â Gage Averill: Four Parts, No Waiting: A Social History of American Barbershop Harmony. Oxford University Press US, 2003, ISBN 978-0-19-511672-4, S. 23 f.
cite-note-mustrad-org-uk-77. â Lynn Abbott, Doug Seroff: Americaâs Blue Yodel, Musical Traditions Nr. 11 (1993)
cite-note-88. â Genaues Datum unbekannt, wiederveröffentlicht auf The Archive Series, Vol. 1. Watermelon Records, 1995
cite-note-99. â Douglas B. Green: Singing in the Saddle: The History of the Singing Cowboy, Vanderbilt University Press, 2002, ISBN 0-8265-1412-X, S. 19.
cite-note-1010. â Jean Ann Boyd: Weâre the Light Crust Doughboys from Burrus Mill: An Oral History. University of Texas Press, 2003, ISBN 978-0-292-70925-6, S. 26.
cite-note-1111. â Cary Ginell, Roy Lee Brown: Milton Brown and the founding of Western Swing. University of Illinois Press, 1994, ISBN 978-0-252-02041-4, S. 26 f.
cite-note-1212. â Nick Tosches: Country: The Twisted Roots of RockânâRoll. Da Capo Press, 1996, ISBN 978-0-306-80713-8, S. 112.
cite-note-1313. â Green, S. 67.
cite-note-1414. â Tony Russell: Country Music Originals: The Legends and the Lost. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-532509-6, S. 70.
cite-note-1515. â Tony Russell: Blacks, Whites and Blues. In: Paul Oliver (Hrsg.): Yonder come the Blues: The Evolution of a Genre. Cambridge University Press, 2001, ISBN 978-0-521-78777-2, S. 233.
cite-note-1616. â Dick Weissman: Blues: The Basics. Routledge, 2005, ISBN 978-0-415-97068-6, S. 76.
cite-note-1717. â Nick Tosches: Where Dead Voices Gather. Back Bay, 2002, ISBN 978-0-316-89537-8, S. 96.
cite-note-1818. â Charles K. Wolfe: A Lighter Shade of Blue: White Country Blues. In: Steven Carl Tracy (Hrsg.): Write Me a Few of Your Lines: A Blues Reader. University of Massachusetts Press, 1999, ISBN 978-1-55849-206-6, S. 514â530, hier: S. 524 f.
cite-note-wolfe-blues-reader-s-524-1919. â Wolfe: Blues Reader. S. 524.
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